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Die hanafitische Fiqh-Schule

Die größte der vier sunnitischen Fiqh-Schulen und die verbreitetste unter Muslimen in Deutschland.

Kareem C.
4 Min. Lesezeit

Die hanafitische Schule ist die größte der vier sunnitischen Fiqh-Schulen. Sie geht auf Abu Hanifa zurück, der von 699 bis 767 in Kufa und Bagdad wirkte, und ist unter Muslimen in Deutschland die verbreitetste.

Woher der Name kommt

Benannt ist sie nach Abu Hanifa an-Nuʿman ibn Thabit. Er war Kaufmann und lehrte daneben, was seiner Schule bis heute anzumerken ist: Viele ihrer Erörterungen drehen sich um Verträge, Handel und die Fragen einer städtischen Gesellschaft.

Kufa, wo er lernte, war kein beliebiger Ort. Dort hatte Abdallah ibn Masʿud, einer der frühen Gefährten, einen Schülerkreis hinterlassen, und aus dieser Linie ist die irakische Tradition der begründeten Ableitung hervorgegangen.

Wie die Schule entstand

Keine Schule ist an einem Tag gegründet worden, und keine trägt ihren Namen, weil ihr Namensgeber sie so genannt hätte. Die Reihenfolge war umgekehrt: Ein Gelehrter unterrichtete, seine Schüler schrieben mit, ordneten die Urteile und arbeiteten die Regeln heraus, nach denen er entschieden hatte.

Deshalb gab es zunächst Dutzende solcher Kreise, und nur vier haben überdauert. Sufyan ath-Thauri und al-Auzaʿi etwa waren angesehene Gelehrte, aber ihnen fehlte, was eine Schule im praktischen Sinn ausmacht: Schüler, die die Urteile festhielten und die Positionen über Generationen verteidigten. Ibn Radschab hat es so erklärt, dass die übrigen Schulen weder weit bekannt noch genau dokumentiert waren, sodass ihnen später Aussagen zugeschrieben wurden, die sie nie gemacht hatten.

Bei den Hanafiten haben das vor allem zwei Schüler geleistet: Abu Yusuf, der später oberster Richter wurde, und Muhammad asch-Schaibani, der die Lehre schriftlich ordnete. Beide sind der Meinung ihres Lehrers an etlichen Stellen nicht gefolgt, und wo sie sich einig waren, gilt in der Schule bis heute oft ihre Auffassung.

Woran man die Methode erkennt

Die vier Quellen sind bei allen Schulen dieselben: Quran, Sunnah, der Konsens der Gelehrten und der Analogieschluss. Unterschiede entstehen dort, wo ein Text mehrdeutig ist und entschieden werden muss, welche Bedeutung den Vorzug bekommt.

Kennzeichnend für die hanafitische Vorgehensweise sind drei Züge:

  • Der Analogieschluss trägt viel. Wo kein eindeutiger Text vorliegt, wird sorgfältig abgeleitet, statt die Frage offen zu lassen.
  • Istihsan. Führt eine Ableitung zu einem Ergebnis, das der Sache erkennbar nicht gerecht wird, darf zugunsten der besseren Lösung davon abgewichen werden. Dieses Mittel ist der bekannteste Zug der Schule und zugleich der am meisten missverstandene: Es ist kein Ermessen, sondern selbst an Belege gebunden.
  • Urf. Die örtliche Gewohnheit wird berücksichtigt, wo sie nichts Untersagtes enthält. Das macht die Schule beweglich, wenn dieselbe Frage in Kufa und in Köln anders aussieht.

Wo sie verbreitet ist

In der Türkei, auf dem Balkan, in Zentralasien, Afghanistan, Pakistan, Bangladesch und Indien sowie in Teilen des Nahen Ostens. Weil die meisten Moscheegemeinden in Deutschland aus diesen Regionen stammen, ist sie hier die gewohnte Auslegung, auch bei Menschen, die das Wort nie gehört haben.

Im Alltag

Auffällig wird sie an Punkten wie diesen: die Zeit, ab der das Nachmittagsgebet beginnt, die Frage, ob die Berührung einer nicht verwandten Person die Gebetswaschung aufhebt, was beim Kürzen auf Reisen als Strecke zählt, und einzelne Bemessungsfragen bei der Zakat.

Nicht zu verwechseln mit

Einer Glaubensrichtung. Alle vier Schulen sind sunnitisch und erkennen einander an. Sie unterscheiden sich in der Methode, aus den Quellen Regeln zu gewinnen, nicht im Glaubensinhalt. Was zu den Grundlagen gehört, ist unter ihnen unstrittig; die Vielfalt betrifft die abgeleiteten Einzelfragen.

Häufige Fragen

Muss man sich einer Schule anschließen? Die meisten folgen der Schule, in der sie aufgewachsen sind. Einen förmlichen Eintritt gibt es nicht.

Ist das nicht blindes Folgen? Der Fachbegriff dafür ist Taqlid, und er wird oft mit blindem Nachahmen übersetzt. Treffender ist: sich an einen erprobten Vorgang halten, statt jede Frage selbst neu zu entscheiden. Wer die Voraussetzungen für eigene Ableitung nicht mitbringt, folgt jemandem, der sie hat.

Darf man wechseln? Der Wechsel ist möglich. Vom gezielten Zusammensuchen der jeweils bequemsten Antwort raten Gelehrte ab.

Woran erkenne ich, welcher Schule meine Moschee folgt? Meist an der Herkunft der Gemeinde. Im Zweifel fragt man den Imam.

Quellen

Verwandte Begriffe: Fiqh-Schulen, Fiqh, Istihsan.

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Kareem C.

Kareem C. schreibt für die Redaktion des CommonsBlog. Die Beiträge entstehen aus Quellenarbeit, jeder Artikel führt seine Belege am Ende auf.

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